Die Verordnung (EU) 2024/1689 — bekannt als EU AI Act — ist das weltweit erste rechtsverbindliche Gesetz zur Regulierung von Systemen mit künstlicher Intelligenz. Sie trat am 1. August 2024 in Kraft und löst damit einen mehrjährigen Gesetzgebungsprozess ab, der 2021 mit dem ersten Kommissionsvorschlag begann. Anders als unverbindliche Leitlinien oder Verhaltenskodizes handelt es sich um unmittelbar geltendes EU-Recht, das in allen Mitgliedstaaten ohne nationale Umsetzungsakte gilt.
Der räumliche Anwendungsbereich folgt dem Marktortprinzip: Die Verordnung gilt für alle Unternehmen, die KI-Systeme in der EU in Verkehr bringen, in Betrieb nehmen oder einsetzen — unabhängig davon, wo das Unternehmen seinen Sitz hat. Ein US-amerikanisches SaaS-Unternehmen, das KI-gestützte Dienste an europäische Kunden verkauft, fällt ebenso unter den AI Act wie ein deutsches Mittelstandsunternehmen, das ein extern eingekauftes Analyse-Werkzeug betreibt.
Der Ansatz der Verordnung ist risikobasiert: Nicht jede KI-Anwendung unterliegt denselben Pflichten. Ein Spam-Filter und ein KI-System, das Kreditentscheidungen trifft, werden unterschiedlich behandelt. Je höher das potenzielle Schadenspotenzial für Einzelpersonen oder die Gesellschaft, desto umfangreicher die Anforderungen. Verbotene Praktiken wie Social Scoring oder bestimmte Formen biometrischer Massenüberwachung sind gänzlich untersagt.
Für die Praxis entscheidend ist die Rollendifferenzierung: Der AI Act unterscheidet zwischen Anbietern (Providers), die ein KI-System entwickeln oder in Verkehr bringen, und Betreibern (Deployers), die ein fremdes KI-System im eigenen Geschäftsbetrieb einsetzen. Beide Rollen tragen Pflichten — allerdings unterschiedliche. Wer ein KI-System von einem Drittanbieter einkauft und in internen Prozessen einsetzt, ist Deployer und muss unter anderem sicherstellen, dass menschliche Aufsicht gewährleistet ist und das System nur für den vorgesehenen Zweck genutzt wird. Wer das System selbst baut oder modifiziert, wird zum Anbieter und trägt die vollen technischen Dokumentationspflichten.